MacBook IdylleWenn Deutsche Spiesser, besonders Studenten, einen Milchkaffee (oder eine Bionade) in der Frühlingssonne genießen, kann man die besonders Fortschrittlichen unter ihnen am Apple Notebook auf dem Schoss erkennen. Das weisse, schwarze oder silberne Gerät ist Ausdruck der technischen und intellektuellen Überlegenheit gegenüber ihren Zeitgenossen. Ebenso weisen die weißen Kopfhörerkabel eines iPod ihren Träger als intelligent und kreativ aus.

Die Benutzung von Apple Produkten ist ein visueller Code der es Deutschen Spiessern ermöglicht, sich ohne Worte zu finden. Zum Beispiel kann ein Deutscher Spiesser aus den ganzen Deutschen Proleten im Zugabteil sein Gegenüber als Seelenverwandten herausfiltern, wenn er das markante Logo mit dem angebissenenen Apfel sieht. Will er dem anderen Deutschen Spiesser zu verstehen geben, dass ihm die Umgebung zu barbarisch ist, beginnt er einen Dialog:

Schönes Gerät. Ist da schon Leopard drauf?

Danke. Ja. Ich hab’s gleich gekauft und installiert. Das lässt dieses blöde Windows Vista soooo alt aussehen (An dieser Stelle wandert der prüfende Seitenblick zum Deutschen Proleten, der auf seinem Aldi-Notebook eine X-Men DVD guckt, statt sich wichtigen kreativen Arbeiten zu widmen).

Hast Du deins Auch von Gravis?

Ja.

Hast Du auch das iPhone?

Ja. Aber nicht bei diesem staatskapitalistischen Monster Deutsche Telekom. Wie konnte Steve uns nur so verraten? Meins ist ein entsperrtes aus Frankreich.

Dann lächeln sich die beiden Deutschen Spiesser mit einem langen, wissenden Blick an, denn sie sind die Elite. Man muss wissen, dass Apple Inc. nicht einfach ein amerikanischer Lifestylekonzern mit angeschlossener Produktentwicklung ist, der wie alle anderen in China produzieren lässt (wie etwa Nike). In einem solchen Fall würden Deutsche Spiesser natürlich hinter die Oberflächlichkeit der schnöden Fassade blicken und messerscharf die Verkommenheit der Firma sezieren. Bei einem Unternehmen wie Apple sind solche Maßstäbe aber fehl am Platze. Steve Jobs, der unangefochtene Chef von Apple, ist ein Übermensch im schwarzen Rollkragenpullover. Er lebt wie ein Asket und hält Produktpräsentationen, die als Referenz für Zen-inspiriertes Kommunikationsdesign gelten. Alle Geräte sind formvollendet, detailliert durchdacht in ihrer funktionalen Gestaltung und zieren jeden Schoß und jeden Schreibtisch, egal ob der jeweilige Deutsche Spiesser ihn von Ikea, Manufactum oder einem besonders unverfälschten Trödelmarkt hat. Kein Vergleich zu den Aldi- und Plus-Computern, den Trekstor MP3-Sticks und Samsung-Klapphandys des Prekariats.

Ausserdem sitzt Al Gore im Aufsichtsrat von Apple, ohne dass er einen republikanischen Gegenkandidaten bezwingen musste. Was kann diese Tatsache aufwiegen?

Deutsche Spiesser im fortgeschrittenen Apple-Nutzungsstadium beklagen inzwischen die Verbreitung von Apple-Produkten unter Deutschen Proleten. Sie befürchten nicht zu Unrecht, dass Macs zum Ansehen von Pornographie und www.Bild.de gebraucht werden könnten, statt für hehre kreative Zwecke. Dass die breitere Nutzerbasis eine erhöhte Gefahr von Computerviren und anderem Unbill mit sich bringt, kommt erschwerend hinzu.

Und wenn es bei Balzac oder Coffeemamas oder Starbucks mal wieder ein bisschen später wird, leuchtet der angebissene Apfel auf der Rückseite des Bildschirms wie eine kleine Fackel der Aufklärung unter lauter andern Fackeln der Aufklärung tapfer gegen das letzte trotzige, unpraktische Aldi-Notebook an.

Geschrieben und aufgenommen auf einem schwarzen MacBook der neuesten Generation auf dem die neueste Apple-Software und natürlich keine Microsoft-Programme installiert sind.

Bildquelle: Student Life von powerbooktrance
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